Die Kußerwachte weiß es noch nicht...

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(Acryl auf Leinwand, 60 x 60 cm)

Wenn der Gedanke dich berührt, vielleicht erwacht dann erst ein Ton, vielleicht eine Melodie, welche aus den Träumen ins Bewußtsein tritt - erst ist es nur ein sanfter Gedanke, nur eine Ahnung, die sich nicht fassen läßt, wie ein Kuß… Bewußt hatte ich Grün genommen, es sollte raum- und zeitlos wirken, so wie ich mich auch oft im Traum fühle... Eigentlich müßte die Leinwand grenzenlos sein, zumindest so groß wie das Blickfeld, na ja, zur Not kann ja das Blickfeld jeder persönlich steuern, denn wir haben ja auch kein grenzenloses Auge ... oder vielleicht doch, ach, was sind wir doch so unwissende Kinder...und doch, alle Dinge sind in uns; in uns sind weitaus mehr Farben, als die, die wir mit bloßem Auge erblicken, und oft fühle ich mich beschränkt in dem, was ich "sehe" und was ich wiedergebe. Aber da tröstet mich die Aussage von Thomas von Aquin: "Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe. Worauf es ankommt, ist die Anschauung Gottes, die Visio Beatifica der Einheit mit Gott. Darauf kommt es an. Das ist der Sinn unseres Lebens." Aber vielleicht sind es ja noch ungeborene Farben - sie schlafen noch ... wie die Kußerwachte. Das Licht hat keinen Halt und verläuft in Lichtfäden und trägt Feinstoffliches mit sich... Vielleicht ist es der Stoff, aus dem die Träume sind? Soll ich ein Geheimnis verraten...? Die Kußerwachte weiß es schon, doch sie ist noch benommen in der Wiege der Ohnmacht, sie wartet auf etwas... Auf ein Zeichen... Vielleicht hat sie Angst, daß es nur ein Traum ist, mit dem Licht verschmolzen zu sein. Das Licht der Natur ist die Liebe zum Geist der Natur, es ist Erkenntnis; im Licht ist das Unsichtbare sichtbar und löst sich wieder auf, genauso wie Erkenntnisse Grenzen auflösen, genauso wie sich die Gestalt im Licht aufzulösen scheint. Das Licht habe ich in Kreis- bzw. Kugelform gewählt, es scheint mir die vollkommenste Form der Ewigkeit und der Schönheit zu sein, sie verkörpert die Sonne, das Bewußtsein, das Männliche oder den Mond, wie die Erinnerung, das Traumhafte, das Weibliche. Es ist alles vereint: das Auflösende, das Erhaltende, das Stoffliche, die Vergänglichkeit. Alles pulsiert in allen Wechselwirkungen... Deshalb verschwimmen die Schemen und Schatten... Das kann die Kußerwachte nicht alles auf einmal ertragen, es wäre ein Schock...Die Vielheit der Erscheinungen, die sonst nur innen waren, sind nun präsent. Vielleicht ist es nur im Schlaf erfahrbar … dort, wo wir der Welt des Gegenständlichen entrückt und der Grenzen von Raum und Zeit enthoben sind. Die Schlafende selbst, die Hand wie zum Erbitten einer Gabe gestreckt, auch sie scheint sich in ihrer Gegenständlichkeit aufzulösen... ein festgehaltenen Augenblick der Ewigkeit. In diesem Nun, das kein Vor und Nach kennt, hier widerfährt der Seele ein Kuß vom Licht, und sie rückt in den Zustand der Vollkommenheit und Seligkeit... Vielleicht treffen hier Himmel und Erde, Göttliches und Menschliches aufeinander und ahnen den erregenden, kaum nennbaren Raum zwischen Lichtung und Verbergung? Doch die Kußerwachte weiß es noch nicht... Wann wird sie es wissen? Vielleicht, wenn sie das im Schlaf Empfangene nun eigens zur Frucht bringt und im Wachen dieses Geheimnis ihrer Seele willentlich ergreift und hütet...?

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